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Die Geschichte der Skulptur ist eine Geschichte vom Menschen und seiner Darstellung. Trotz der langen Tradition ist der Wunsch, den Körper des Menschen darzustellen, noch immer aktuell. Der menschliche Körper ist Bezugspunkt für zeitgenössische Bildhauer: vom poetischen Realismus des Konzeptkünstlers Jan Fabre bis zu den hyperrealistischen Figuren des Australiers Ron Mueck mit seinen extremen Homunkuli oder zu den verstörenden Arbeiten des Maurizio Cattelan.

Der deutsche Bildhauer Stephan Marienfeld beschäftigt sich ebenfalls mit dem Körperbild und seiner Wahrnehmung. Seine Objekte sind von einzigartiger Ästhetik, sie sind von glatter Eleganz und – obwohl nicht abbildend und von abstrahierter Formensprache- doch einprägsam. Die Objekte sind in Form und Größe festgelegt und haben einen anthropomorphen Charakter. Für Stephan Marienfeld ist der Körper des Menschen die Konstante, obwohl der ihn niemals realistisch abbildet. Vielmehr erzeugt er im Publikum die Idee, in seinen unbelebten Objekten einen Körper oder sogar einen Charakter zu entdecken. Bekannt geworden ist Stephan Marienfeld durch seine Bondage-Objekte, bei denen spiegelnde Körper von Seilen in Form gebracht werden. Die Arbeiten leben vom ästhetischen Kontrast zwischen den als natürlich oder künstlich empfundenen Materialqualitäten. Ohne die Direktheit einer expliziten Körperabbildung gelingt Marienfeld in seinen Bondage-Arbeiten die Erneuerung der Gattung Akt.

Marienfelds neue Arbeiten spielen mit dem Thema der überlebensgroßen Skulptur. In mattem Weiß und makelloser Perfektion präsentieren sich seine plastischen Arbeiten wie eine zeitgenössische Interpretation des klassischen Skulpturenmaterials Marmor. Marienfelds hoch aufragende, monumentale Arbeiten scheinen ästhetisch in der Tradition idealisierter antiker Skulptur zu stehen. Seine Unbekannte erinnert in der Eleganz ihrer weiblichen Formen an die Nike von Samothrake. Die große Skulptur Atlas türmt maskulin kantige und sanft geschwungene Formen in die Höhe. Dieser weiße ‚Monolith’ transportiert den Eindruck athletisch definierter Körpermassen, die von großer Last gedrückt werden.

Neben den ausdrucksstarken, überlebensgroßen Figuren hat sich Marienfeld auch mit dem Torso beschäftigt. Ausgehend von den Künstlern der Renaissance, die an den zerborstenen antiken Skulpturen besonders den fragmentarischen Charakter eines Rumpfkörpers ohne Kopf und Extremitäten geschätzt hatten, entwickelte sich der Torso erst bei Auguste Rodin zu einer eigenen Gattung der Skulptur. Viele einzelne Torsen hat Marienfeld spielerisch zu einem großen Gebilde verschmolzen. Ist schon dem Torso die Individualität genommen, führt Marienfeld die Anonymisierung in der Vervielfältigung fort. Wird ein Torso traditionell auf einem Sockel präsentiert, um den Rumpf mit einem vollständigen Körperbild vergleichbar zu machen, hat Marienfeld konsequent ein Bodenobjekt konstruiert.

In den Arbeiten Bloody und Rubber überträgt Marienfeld die Wirkweise seines Körperbildes auf das Relief. Beide Arbeiten interpretieren anspielungsreich und mit subtil erotischer Ausstrahlung Körperlandschaften, die hier ins gigantische gesteigert werden. Die Haptik der Oberfläche erinnert an Gummi oder Leder.

In der neuen Reihe der Nachbarn entdeckt Marienfeld diese Lebensbegleiter als künstlerisches Sujet. Wenn man dem Boulevardjournalismus glaubt, bekommen die Nachbarn, so unbeteiligt sie sich geben mögen, wirklich alles mit. Bei Stephan Marienfeld sind ihre unterschiedlichen Charaktere, die teils skurillen, humorvollen Figurinen in ihren unterschiedlichen Rot-Tönen unübersehbar.

In der Serie Portrait eines Unbekannten macht Marienfeld das Unmögliche möglich. Seine abstrahierten Flachreliefs zeigen flächige Formen, die sich zu einem Kopf ergänzen. Durch die spiegelnde Oberfläche sieht jeder Betrachter sein Portait.

Colmar Schulte-Goltz M.A., Februar 2008